Was ich auf meiner ersten Reise allein über mich gelernt habe

Als ich 2001 zum ersten Mal allein geflogen und allein verreist bin, bin ich gefühlt jede Minute, jede Sekunde gestorben. Zumindest ein bisschen. Und trotzdem wollte ich es unbedingt wissen: Schaffe ich das allein?

Damals steckte ich ziemlich tief im Gefühl der Einsamkeit. Nicht immer. Wenn ich unter Menschen war, gearbeitet oder studiert habe, war meistens alles in Ordnung. Ich hatte Menschen um mich herum, Aufgaben, Gespräche und Ablenkung. Aber wenn ich allein war, kam die Einsamkeit manchmal mit einer Wucht, die kaum auszuhalten war.

Vielleicht kennst Du dieses Gefühl: Solange etwas passiert, geht es. Solange jemand anruft, schreibt, neben Dir sitzt oder Dich braucht, fühlst Du Dich einigermaßen sicher. Und dann wird es still. Plötzlich bist da nur noch Du.

Meine erste Reise allein

Ich wollte damals einen alten Freund in Glasgow besuchen. Also kaufte ich mir ein Flugticket von Frankfurt nach Glasgow, mit Umstieg in Brüssel. Heute klingt das für mich ziemlich unspektakulär. Damals war es eine echte Herausforderung.

Ich hatte Angst, mich am Flughafen nicht zurechtzufinden, irgendwo falsch abzubiegen, den Anschlussflug zu verpassen oder verloren zu gehen. Und natürlich gab es noch die ultimative Katastrophenfantasie: Das Flugzeug könnte abstürzen.

Irgendwann dachte ich: Was soll mir eigentlich passieren? Gut, wir könnten abstürzen. Aber wenn das nicht passiert, könnte ich mich verlaufen, etwas nicht verstehen oder nicht wissen, wo ich hinmuss. Und dann? Dann frage ich jemanden.

Denn eines hatte ich trotz meiner Unsicherheit damals schon: ein erstaunliches Vertrauen darin, dass andere Menschen mir helfen würden, wenn ich wirklich nicht weiterkomme. Also flog ich los. Es war hart. Aber alles hat funktioniert.

Was entsteht, wenn wir uns selbst nicht ständig ausweichen

In Glasgow war ich viel allein. Ich lief herum, saß irgendwo, beobachtete Menschen und dachte nach. Wie möchte ich eigentlich leben? Will ich Familie? Wie möchte ich arbeiten? Was ist mir wichtig? Was für ein Mensch möchte ich sein?

Damals wusste ich natürlich nicht, wie mein Leben tatsächlich einmal aussehen würde. Und heute lebe ich in vielen Bereichen ganz anders, als ich es mir damals vorgestellt habe. Aber das macht diese Gedanken von damals nicht wertlos. Im Gegenteil.

Es geht nicht darum, mit 25 oder 30 einen Lebensplan zu entwerfen, an den man sich die nächsten 50 Jahre sklavisch hält. Es geht darum, überhaupt mit sich selbst ins Gespräch zu kommen, zu träumen, Möglichkeiten zu entwickeln und sich zu fragen: Wie könnte mein Leben aussehen?

Der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell hat sinngemäß gesagt: „Wir müssen bereit sein, das Leben loszulassen, das wir geplant haben, um das Leben leben zu können, das auf uns wartet.“

Ich würde diesen Gedanken heute etwas anders beenden: Wir müssen bereit sein, das Leben loszulassen, das wir geplant haben, um das Leben leben zu können, das wir uns erschaffen.

Denn das ist für mich ein wesentlicher Teil von Selbstwirksamkeit. Das Leben passiert. Aber wir gestalten auch mit.

Heute bin ich sehr oft allein – aber nicht einsam

Heute reise ich gerne allein. Ich gehe allein essen, arbeite sehr viel und meistens auch allein, gehe allein ins Kino oder ins Theater. Gleichzeitig verbringe ich viel Zeit mit anderen Menschen: mit Freunden und Freundinnen, meiner Familie, meinen Klientinnen und Klienten und Kolleginnen und Kollegen.

Ich liebe meine Arbeit. Ich liebe diese Gespräche, in denen Menschen plötzlich etwas über sich verstehen, wenn sich etwas sortiert und jemand merkt: Ich bin meiner Situation vielleicht nicht vollkommen ausgeliefert.

Viele Menschen spiegeln mir zurück, wie wertvoll diese Prozesse für sie sind. Und vielleicht liegt genau darin auch meine Aufgabe. Nicht Menschen zu sagen, wie sie leben sollen, sondern ihnen dabei zu helfen, wieder Zugang zu ihren eigenen Möglichkeiten zu bekommen.

Ich sehe mich dabei ein bisschen wie eine Wegbereiterin. Ich kann Dir Deinen Weg nicht abnehmen. Aber ich kann mit Dir hinschauen, wo etwas blockiert ist, Fragen stellen, Zusammenhänge sichtbar machen und Dich dabei begleiten, Deine eigenen Antworten zu finden.

Ein bisschen ist es wie bei einem Chirurgen und einem gebrochenen Arm: Der Chirurg erschafft keinen neuen Knochen. Aber er schafft Bedingungen, unter denen der Körper wieder heilen kann. Auch unsere Psyche besitzt erstaunliche Fähigkeiten zur Anpassung und Regeneration. Manchmal brauchen wir dafür Unterstützung. Und genau deshalb ist es kein Zeichen von Schwäche, um Hilfe zu bitten.

Warum Alleinsein so weh tun kann

Ich glaube, dass Einsamkeit manchmal deshalb so heftig erlebt wird, weil wir im Alleinsein unserer eigenen Verletzlichkeit begegnen. Ohne Ablenkung, ohne Rolle und ohne jemanden, der uns gerade bestätigt.

Da sitzen wir dann mit unserer Angst, unserer Sehnsucht, unseren Enttäuschungen und vielleicht mit der Frage, ob wir wichtig sind, ob jemand an uns denkt, ob wir dazugehören oder ob unser Leben richtig ist. Wir sind, bildlich gesprochen, seelisch ziemlich nackt. Wir sind extrem verletzlich. 

Verbundenheit bedeutet nicht, unsere Verletzlichkeit loszuwerden. Eher im Gegenteil. Wir können lernen, sie auszuhalten, sie anzunehmen und sie mit anderen zu teilen.

Vielleicht beginnt Verbundenheit deshalb an einem Punkt, den wir häufig übersehen: bei unserer Beziehung zu uns selbst.

Was bedeutet es, mit sich selbst verbunden zu sein?

Mit sich selbst verbunden zu sein heißt für mich nicht: Ich brauche niemanden mehr. Das wäre ein vollkommen falsches Verständnis von Autonomie. Menschen sind soziale Wesen. Wir brauchen Beziehungen, Resonanz, Austausch, Berührung, Zugehörigkeit und Unterstützung.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen: Ich möchte mit Dir zusammen sein und Ich brauche Dich unbedingt, damit ich mich überhaupt aushalten kann.

Mit sich selbst verbunden zu sein kann bedeuten, die eigenen Gefühle wahrnehmen zu können, ohne sofort vor ihnen fliehen zu müssen. Es bedeutet, sich selbst mit Mitgefühl zu begegnen, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, Grenzen wahrzunehmen, sich nicht permanent abzuwerten und Entscheidungen treffen zu können.

Es kann auch bedeuten, einmal allein sein zu können, ohne dieses Alleinsein automatisch als Verlassenwerden zu interpretieren. Forschung zu positiv erlebtem Alleinsein, in der Psychologie häufig als Solitude bezeichnet, zeigt, dass Zeit allein durchaus mit Selbstentdeckung, innerer Ruhe, Freiheit und Kreativität verbunden sein kann.

Entscheidend ist also nicht nur, ob wir allein sind, sondern was innerlich mit uns passiert, wenn niemand da ist, der uns ablenkt, bestätigt oder auffängt.

Selbstmitgefühl wird dann wichtig, wenn es schwierig wird

Selbstmitgefühl brauchen wir nicht unbedingt dann, wenn ohnehin alles wunderbar läuft. Wir brauchen es, wenn wir scheitern, wenn wir uns unzulänglich fühlen, wenn jemand uns verlässt, wenn wir Angst haben, wenn wir etwas nicht schaffen oder wenn niemand anruft.

Gerade dann taucht schnell die Frage auf: Was stimmt eigentlich nicht mit mir? Vielleicht wäre eine hilfreichere Frage: Wie kann ich jetzt mit mir umgehen?

Forschung zu Selbstmitgefühl weist darauf hin, dass ein mitfühlenderer Umgang mit sich selbst mit geringerem Einsamkeitserleben und besseren sozialen Beziehungen zusammenhängt. Das bedeutet nicht: Wer genügend Selbstmitgefühl besitzt, wird nie mehr einsam. Das wäre mir zu einfach.

Einsamkeit gehört zum menschlichen Leben. Auch ein psychisch gesunder, selbstständiger und sozial gut eingebundener Mensch kann einsam sein: nach einem Verlust, bei Krankheit, nach einem Umzug, nach einer Trennung, in einer Beziehung, in der er nicht mehr gesehen wird, oder sogar mitten unter hundert Menschen.

Aber wir können lernen, anders mit diesem Gefühl umzugehen.

Du musst Einsamkeit nicht unter den Teppich kehren

Einsamkeit verschwindet nicht unbedingt dadurch, dass wir sie bekämpfen. Und sie verschwindet auch nicht zuverlässig dadurch, dass wir unseren Kalender füllen.

Manchmal ist Aktivität wichtig: Menschen treffen, rausgehen, Vereinen beitreten, einen Kurs besuchen, Freunde anrufen. Aber manchmal braucht es etwas anderes. Nämlich hinzuschauen.

Was fehlt mir eigentlich? Ein Mensch? Nähe? Zugehörigkeit? Bedeutung? Berührung? Eine Aufgabe? Oder habe ich mich vielleicht selbst irgendwo auf meinem Weg verloren?

Ein Mensch kann allein leben und sich verbunden fühlen. Und ein anderer kann verheiratet sein, jeden Tag Kolleginnen und Kollegen sehen, Kinder haben, Freunde treffen und sich trotzdem zutiefst einsam fühlen.

Genau deshalb finde ich die Frage „Wie viele Menschen hast Du um Dich herum?“ nicht ausreichend. Die wichtigere Frage lautet: Wie verbunden fühlst Du Dich?

Beziehungen sind keine Nebensache für unsere Gesundheit

Wie wichtig soziale Beziehungen für unsere Gesundheit sind, zeigt eine der bekanntesten Metaanalysen auf diesem Gebiet. Die Psychologin Julianne Holt-Lunstad und ihre Kollegen werteten 148 Studien mit insgesamt 308.849 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus.

Das Ergebnis war bemerkenswert: Menschen mit stärkeren sozialen Beziehungen hatten im untersuchten Zeitraum eine rund 50 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit als Menschen mit schwächeren sozialen Beziehungen.

Besonders wichtig ist mir an dieser Stelle die Unterscheidung: Diese Studie sagt nicht, dass Menschen länger leben, weil sie gut allein sein können. Sie zeigt, dass tragfähige soziale Beziehungen gesundheitlich bedeutsam sind.

Die Größenordnung dieses Zusammenhangs war mit bekannten Gesundheitsrisiken vergleichbar. Auch die Weltgesundheitsorganisation misst sozialer Verbundenheit inzwischen eine enorme Bedeutung bei und betrachtet Einsamkeit und soziale Isolation zunehmend als relevantes Gesundheitsthema.

Gesundheit bedeutet deshalb nicht nur, sich gut zu ernähren, Sport zu treiben, nicht zu rauchen und ausreichend zu schlafen. Gesundheit bedeutet auch, Beziehungen zu haben, in denen wir uns zugehörig fühlen, Menschen zu kennen, die wir um Hilfe bitten können, und vielleicht mindestens ebenso wichtig: tatsächlich um Hilfe bitten zu können.

Verbundenheit bedeutet doch nur, wenn ich allein sein kann. Oder? JEIN.

Es gibt Menschen, die überhaupt nicht gerne allein sind. Und das ist vollkommen in Ordnung.

Wenn jemand sein Leben so gestaltet, dass viele Menschen um ihn herum sind, und dieses Leben ihn glücklich macht, dann gibt es keinen Grund, daraus ein Problem zu machen. Alleinsein ist kein Entwicklungsziel. Niemand muss allein ins Restaurant gehen, allein reisen oder allein ins Kino gehen, um psychisch gesund zu sein. Es gibt diese Menschen, die nicht allein sein können. Wenn sie sich einsam fühlen, suchen sie sich sofort eine Aufgabe oder andere Menschen. Und ich finde es nicht schlimm. Es gibt unterschiedliche Lebensformen, und jeder kann selbst entscheiden, wie er oder sie leben will. Aber wenn man darunter leidet, lohnt es sich einfach, die Geschichte näher zu betrachten. Wenn nicht, dann nicht. 

Heute reise ich gerne allein

Ich wollte es unbedingt wissen, warum ich mich nicht allein ertragen konnte. Heute kennen ich meine verletzliche Seite genau. Und heute ist das Alleinsein und das Alleinreisen für mich immer noch manchmal ein kleiner Kick. Du weiß eigentlich nie, was als nächstes kommt. Wer Dich anspricht oder sich dazusetzt. Und das ist schön. 

Ich sitze allein im Restaurant, gehe durch fremde Städte, schaue Menschen zu und denke nach. Und ich weiß gleichzeitig, wo ich hingehöre. Das ist für mich heute der entscheidende Unterschied.

Ich muss nicht permanent mit jemandem zusammen sein, um mich verbunden zu fühlen. Und wenn ich Menschen treffe, dann brauche ich sie nicht, um meine innere Leere zu füllen. Ich brauche Menschen für etwas viel Schöneres: Um zu feiern, zu lachen, zu diskutieren, gemeinsam zu essen, Ideen zu entwickeln, sich gegenseitig zu unterstützen, Erfahrungen auszutauschen, Nähe zu erleben und Liebe zu teilen.

Hab eine gute Zeit mit Dir und mit den anderen. Ich freue mich, von Dir zu lesen. Bis bald. 

Du gehörst dazu. 

Deine Jolanta

PS.: Unten findest Du einpaar Fragen, die ich für Dich vorbereitet habe. Wenn Du magst, hol Dir was zu schreiben und beantworte sie für Dich. Denk dran, schreibe so wie es für Dich passt. Nach Gefühl. Es geht nicht darum, dass es perfekt ist. Es geht darum, dass es echt ist. 

Fragen zur Reflexion

Wann wird es für Dich schwierig, allein zu sein?

Was passiert in Dir, wenn niemand erreichbar ist?

Welche Geschichte erzählst Du Dir über Dich selbst, wenn niemand anruft oder schreibt?

Welche Gefühle werden besonders laut, wenn es um Dich herum still wird?

Was brauchst Du wirklich, wenn Du Dich einsam fühlst: Gesellschaft, Nähe, Verständnis, Berührung, Bedeutung, Sicherheit oder etwas ganz anderes?

Bei welchen Menschen kannst Du verletzlich sein, ohne Dich dafür schämen zu müssen?

Wen könntest Du um Unterstützung bitten? Und was hält Dich vielleicht noch davon ab?

Und vielleicht die wichtigste Frage:

Wenn Dein Leben nicht genauso werden muss, wie Du es einmal geplant hast, wie würdest Du den Anfang der Veränderung gestalten?

 

Quellen:

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): Einsamkeitsbarometer 2024 – Langzeitentwicklung von Einsamkeit in Deutschland.

Brown, B. (2006): Shame Resilience Theory: A Grounded Theory Study on Women and Shame. Families in Society: The Journal of Contemporary Social Services, 87(1), 43–52.

Holt-Lunstad, J., Smith, T. B. & Layton, J. B. (2010): Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review. PLOS Medicine, 7(7), e1000316.

Hinweis: Dieser Beitrag fasst wissenschaftliche Forschungsergebnisse zusammen und ersetzt keine medizinische Beratung. Wer unter anhaltender Einsamkeit oder deren psychischen Folgen leidet, findet sofort Unterstützung z. B. bei der Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenlos und anonym). 

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