Der gravierende Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit
Einsamkeit entsteht nicht automatisch dort, wo niemand neben uns sitzt.
„Ich werde wohl für immer allein bleiben.“
„Ich habe schon die Hoffnung verloren, dass ich jemanden kennenlerne.“
„Wenn ich allein bleibe – was werden die anderen denken?“
Diese und ähnliche Sätze höre ich immer wieder in meinen Beratungen. Und häufig fällt mir dabei etwas auf: Alleinsein und Einsamkeit werden immer noch miteinander verwechselt.
Dabei sind das zwei verschiedene Paar Schuhe.
Alleinsein und Einsamkeit: Was ist der Unterschied?
Alleinsein ist zunächst einmal ein Zustand. Vielleicht hast Du gerade keine Partnerin oder keinen Partner. Vielleicht lebst Du allein. Vielleicht bist Du Single oder verbringst einfach viel Zeit mit Dir selbst. Das beschreibt zunächst nur eine äußere Situation.
Einsamkeit dagegen ist ein Gefühl. Sie kann sich zeigen als das Gefühl, nicht wichtig zu sein. Nicht gesehen zu werden. Nicht wirklich verbunden zu sein. Oder nirgendwo richtig dazuzugehören.
Und genau darin liegt ein entscheidender Unterschied:
Du kannst allein sein, ohne einsam zu sein. Und Du kannst mitten in einer Beziehung leben und Dich trotzdem sehr einsam fühlen.
Viele Menschen glauben dennoch, eine Partnerin sei automatisch die Lösung für Einsamkeit.
Das ist sie nicht.
Ich kenne Menschen (und ich gehörte selbst einmal dazu), die seit Jahren verheiratet sind, und sich einsamer fühlen als jede Single-Frau, die mir schreibt.
Denn Nähe entsteht nicht allein durch einen Beziehungsstatus.
Nähe entsteht durch Verbindung.
Warum eine Partnerschaft Einsamkeit nicht automatisch beendet
Wir haben gelernt, tiefe Verbundenheit sehr stark mit einer bestimmten Beziehungsform zu verbinden: Der Paarbeziehung.
Ein Partner oder eine Partnerin, und dann soll möglichst alles gut sein.
Kein Alleinsein mehr.
Keine Einsamkeit mehr.
Kein Gefühl von Mangel.
Aber so funktioniert menschliche Verbundenheit nicht.
Eine Partnerschaft kann ein wunderbarer Ort für Nähe, Intimität und Geborgenheit sein. Sie kann aber nicht automatisch alle unsere sozialen und emotionalen Bedürfnisse erfüllen. Das ist unmöglich. Wir Menschen brauchen unterschiedliche Formen von Beziehungen: Freundschaften, Familie, vertraute Kolleginnen und Kollegen, Nachbarschaft, Gemeinschaften und Menschen, mit denen wir Interessen, Erfahrungen oder Lebensphasen teilen.
Romantische Liebe ist eine wichtige Form von Verbundenheit.
Aber sie ist nicht die einzige.
Warum wir die Paarbeziehung mit zu vielen Erwartungen belasten
Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir der romantischen Beziehung eine beinahe unmögliche Aufgabe übertragen haben.
Der Partner oder die Partnerin soll gleichzeitig unser bester Freund sein, emotionale Stütze, Gesprächspartnerin, Reisebegleiter, uns sexuell zufrieden stellen, Vertrauter, Ratgeberin und ein Zuhause.
Das ist ziemlich viel für einen einzigen Menschen. Wenn wir glauben, dass eine Person all diese Bedürfnisse erfüllen muss, geraten wir leicht in eine Falle.
Entweder wir haben diese Person, und stellen trotzdem fest, dass uns etwas fehlt. Oder wir haben gerade keine Partnerschaft und glauben deshalb, grundsätzlich unvollständig oder einsam sein zu müssen.
Beides greift zu kurz. Verbundenheit kann an vielen verschiedenen Orten unseres Lebens entstehen.
Ich bin in eine Situation geraten, in der ich der Part der Beziehung war, der alles „Halten“ dürfte. Mein damaliger Partner hat sein komplettes soziales Leben für unsere Beziehung aufgegeben. Stück für Stück hörte er auf, sich mit seinen Freunden zu verabreden, allein zu verreisen, oder allein Unternehmungen mit seinen Kindern zu machen. Bei allen Aktivitäten und Belangen sollte seine „bessere Hälfte“ (wie er mich nannte) dabei sein. Das ist zu viel für eine Person. Das darf gerne verteilt werden, damit wir uns in unseren Partnerschaften noch etwas Spannendes zu erzählen haben. Wenn eine Person die andere für sich komplett einnehmen will, ist das der Beginn einer emotionalen Isolation.
Verbundenheit braucht mehr als romantische Liebe
Unsere Gesellschaft hat die romantische Liebe zur einzig legitimen Form tiefer Bindung erklärt, und dabei alle anderen Formen von Nähe an den Rand gedrängt: Freundschaft, Nachbarschaft, Wahlfamilie, Gemeinschaft. Es scheint so, als ob diese Entwicklung mit patriarchalen Strukturen verwoben ist, die romantische Zweierbeziehungen privilegieren, während andere Beziehungsformen als „weniger wert“ gelten.
Das sehen wir an vielen kleinen Dingen. Menschen werden gefragt, wann sie endlich jemanden kennenlernen. Singles müssen erklären, warum sie allein sind. Freundschaften werden manchmal selbstverständlich nachrangig behandelt, sobald eine neue Partnerschaft beginnt.
Dabei können Freundschaften, Nachbarschaften, Wahlfamilien und andere Gemeinschaften ebenso wichtige Quellen von Nähe und Zugehörigkeit sein.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen:
„Wann finde ich endlich den richtigen Menschen?“
Und häufiger:
„Welche Beziehungen tragen mich eigentlich in meinem Leben?“
Das verändert den Blick.
Gemeinschaft neu denken
Für Menschen war Gemeinschaft schon immer wesentlich. Nähe, Verantwortung und Fürsorge wurden über lange Zeit häufig auf mehrere Personen und Generationen verteilt. Natürlich waren frühere Gemeinschaften keineswegs automatisch besser.
Enge Familien- und Dorfstrukturen konnten auch begrenzen, kontrollieren und Menschen daran hindern, ihren eigenen Weg zu gehen.
Wir wollten Freiheit. Wir wollten uns weiterbilden, studieren, reisen, unseren Beruf selbst wählen und unabhängig leben.
Und das ist ein großer Gewinn. Gleichzeitig erleben viele Menschen heute eine andere Seite dieser Entwicklung: Familien leben weit voneinander entfernt, Freundschaften verteilen sich über verschiedene Städte, Nachbarschaften bleiben anonym und berufliche Mobilität lässt Beziehungen immer wieder abbrechen.
Vielleicht besteht unsere Aufgabe deshalb nicht darin, in alte Strukturen zurückzukehren.
Sondern neue Formen von Gemeinschaft zu entwickeln, die Freiheit und Verbundenheit miteinander verbinden.
Freundschaften, Wahlfamilie und Nachbarschaft neu entdecken
Was könnte das konkret bedeuten?
Freundschaften als tragende Beziehungen verstehen.
Nicht als Lückenfüller, bis „der oder die Richtige“ kommt, sondern als eigenständige und wertvolle Bindungen.
Nachbarschaft wieder bewusster gestalten.
Ein Gruß im Treppenhaus. Ein gemeinsamer Kaffee. Ein Gespräch vor der Haustür. Vielleicht gemeinsames Kochen oder gegenseitige Unterstützung.
Oft beginnt Verbundenheit erstaunlich unspektakulär.
Wahlfamilien aufbauen.
Menschen, die wir uns bewusst aussuchen. Menschen, die uns kennen, uns sehen und zu unserem Leben gehören, auch wenn wir nicht miteinander verwandt sind.
Gemeinsame Interessen nutzen.
Vereine, Initiativen, Kultur, Sport, Ehrenamt, Kurse oder Gemeinschaftsprojekte schaffen Räume, in denen Beziehungen wachsen können, ohne dass sofort der Druck romantischer Erwartungen entsteht.
Ein Partner oder eine Partnerin kann eine wunderschöne Ergänzung Deines Lebens sein.
Aber dieser Mensch muss nicht Deine einzige Quelle für Verbundenheit sein.
Und die Vorstellung, Du seist erst vollständig, wenn jemand an Deiner Seite ist, kann das Alleinsein unnötig schwer machen.
Was frühere Generationen über Gemeinschaft wussten
Ich denke manchmal an die Frauen und Männer der Generation vor uns. Natürlich waren ihre Beziehungen und Lebensbedingungen nicht grundsätzlich besser.
Aber viele hatten etwas, das wir heute teilweise neu lernen müssen: Ein enges Geflecht aus Freundschaften, Kolleginnen und Kollegen, Nachbarschaft und Familie.
Viele Frauen hätten ihre Ehen vermutlich deutlich schwerer erlebt, wenn sie nicht ihre Freundinnen und Kolleginnen gehabt hätten.
Menschen besuchten sich. Sie redeten miteinander. Sie lachten, tanzten, kochten und unternahmen etwas zusammen. Sie sorgten für sich.
Und sie besprachen auch Dinge miteinander, die zu Hause schwierig waren.
Vielleicht ist davon tatsächlich etwas verloren gegangen.
Nicht überall. Aber an vielen Stellen.
Muss mein Partner wirklich alles von mir wissen?
Ich habe einmal auf meinem Instagram-Account (findest Du hier, wenn Du magst) gefragt:
Sollte man seiner Partnerin oder seinem Partner alles erzählen?
Die Mehrheit antwortete mit JA.
Natürlich finde auch ich, dass wir wesentliche Dinge innerhalb einer Partnerschaft miteinander teilen sollten. Vertrauen und Offenheit gehören für mich zu einer guten Beziehung.
Aber muss wirklich jeder Gedanke, jeder Ärger und jedes Problem ausschließlich innerhalb dieser einen Beziehung besprochen werden?
Ich glaube nicht. Wir brauchen auch andere Menschen.
Eine Freundin, bei der ich einmal sagen darf: „Heute nervt er/sie mich.“
Einen Freund, mit dem ich über berufliche (und private) Zweifel spreche.
Eine Schwester, einen Bruder, einen Kollegen oder eine vertraute Person, die eine andere Perspektive einbringt.
Das muss keine Bedrohung für eine Partnerschaft sein.
Im Gegenteil: Ein stabiles soziales Netz kann Beziehungen sogar entlasten.
Denn eine einzelne Beziehung muss dann nicht unser gesamtes emotionales Leben tragen.
Der Blick nach vorn
Vielleicht ist die eigentliche Aufgabe unserer (und der nachfolgenden) Generation nicht, den „perfekten“ Parner zu finden, sondern zu lernen, uns wieder in Gemeinschaften zu teilen und halten zu lassen. Nicht in örtlicher Gemeinschaft, nicht als Ersatz für die romantische Liebe, sondern in einer Gemeinschaft, in der viele Menschen sind, die uns gegenseitig mit ihrer Unterschiedlichkeit bereichert. Du kannst allein sein und trotzdem umgeben von Menschen, die Dich tragen. Und Du kannst in einer Beziehung sein und trotzdem merken, dass Dir die Verbindung fehlt, die andere Dir geben könnten.
Ich habe mal auf Instagram eine Umfrage gestartet, ob man der Partnerin oder dem Partner alles erzählen sollte. Die Mehrheit der Leute hat mit JA geantwortet. Ich finde auch, dass wir essentielle Dinge in der Beziehung teilen sollten. Aber bitte nicht alles.
Eine Beziehung kann nicht alles aushalten. Wir müssen uns auch anderen mitteilen dürfen, wenn wir uns z. B. über unseren Partner ärgern oder anderer Meinung sind. Probleme auch anderen zu erzählen kann sehr heilsam sein für die Beziehung.
Einsamkeit ist kein Beziehungsstatus. Sie ist die Abwesenheit von echter Verbindung. Und die kann an vielen Stellen unseres Lebens entstehen, nicht nur im leeren Bett neben uns.
Ich genieße jedenfalls mein Alleinsein und meine tollen Gemeinschaften. Und ich wünsche uns allen, dass wir offener für neue enge Beziehungen sind. Nicht nur die mit Trauschein.
Sollte die Einsamkeit Dich im Griff haben, oder kannst Du Dein Gefühl nicht einordnen, melde Dich gerne bei mir, wenn Du magst. Den Kontakt findest Du hier.
Deine Jolanta
PS.: Auf dem Bild ist ein Super-Freund (einer meiner vielen Verbündeten), den ich seit meiner Schulzeit kenne, und mit dem ich sehr verbunden bin. Auch wenn wir nicht mal in einem Land leben, können wir uns (fast täglich) gegenseitig telefonisch unterstützen, gemeinsam lachen, fachlich beraten, an alte Zeiten erinnern, reflektieren, Musik hören, Filme besprechen, und, und, und … Diese enge Verbindung entstand nicht über Nacht. Es war eine (jahre)-lange Annäherung, die sich gelohnt hat. Und das wünsche ich Dir auch.
Hinweis: Dieser Beitrag fasst eigene Erfahrung und wissenschaftliche Forschungsergebnisse zusammen und ersetzt keine medizinische Beratung. Wer unter anhaltender Einsamkeit oder psychischen Beeinträchtigungen leidet, findet sofort Unterstützung z. B. bei Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenlos und anonym).
Quellen
Cacioppo, John T. & Patrick, William (2011): Einsamkeit. Woher sie kommt, was sie bewirkt, wie man ihr entrinnt. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag
Roig, Emilia (2023): Das Ende der Ehe. Für eine Revolution der Liebe. Berlin: Ullstein Verlag
Harari, Yuval Noah (2013): Eine kurze Geschichte der Menschheit. München: Deutsche Verlags-Anstalt (DVA)








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