Allein reisen. Freiheit oder die Einsamkeitsfalle?
Ich bin immer noch auf Reisen. Und je länger ich unterwegs bin, desto mehr beschäftigt mich eine Frage: Ist allein zu reisen vielleicht die größte Form von Freiheit – oder kann genau darin auch eine Einsamkeitsfalle liegen?
Alleinreisen boomt. Was früher vielleicht noch mit einem mitleidigen „Ach, Du fährst ganz alleine?“ kommentiert wurde, ist heute fast zu einem Lebensgefühl geworden.
Solo Travel steht für Freiheit, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit.
Und ja, ich verstehe das sehr gut.
Du stehst auf, wann Du willst. Du gehst essen, wann Du Hunger hast. Du bleibst zwei Stunden in einem Museum oder fünf Minuten. Du sitzt allein in einem Café und beobachtest Menschen, arbeitest ein bisschen oder liest. Du gehst weiter, wenn Dir danach ist. Niemand wartet. Niemand diskutiert über den Tagesplan. Niemand möchte lieber an den Strand, während Du durch kleine Gassen laufen willst.
Du musst Dich mit niemandem abstimmen.
Das kann unglaublich befreiend sein.
Der Standard hat diese Ambivalenz schon vor einigen Jahren sehr treffend beschrieben: Im besten Fall bedeutet eine Reise allein absolute Freiheit und Unabhängigkeit. Keine Kompromisse, keine Abstimmungen, kein schlechtes Gewissen. Gleichzeitig gibt es Menschen, für die gerade das gemeinsame Abendessen, das Erzählen am Ende des Tages oder das Teilen eines besonderen Augenblicks unverzichtbar zum Reisen dazugehört.
Heute ist Solo Travel längst keine Randerscheinung mehr. Im Winter 2025/26 entfielen laut DERTOUR 18 Prozent der dort erfassten Reisen auf Alleinreisende – fast jede fünfte Reise.
Falstaff schreibt von Freiheit, Ruhe und Inspiration als zentralen Motiven. 60 Prozent der dort zitierten Solo-Reisenden sagen sogar, dass sie sich unterwegs selten oder nie einsam fühlen.
Allein sein bedeutet eben nicht automatisch, einsam zu sein.
Alleinsein und Einsamkeit sind nicht dasselbe
Das ist mir ganz besonders wichtig. Deshalb schreibe ich es in meinen Beiträgen immer wieder.
Alleinsein beschreibt zunächst einen Zustand.
Ich bin allein im Zimmer.
Ich sitze allein im Restaurant.
Ich fliege allein in ein anderes Land.
Ich gehe allein durch eine fremde Stadt.
Einsamkeit dagegen ist ein Gefühl.
Einsamkeit entsteht nicht allein dadurch, dass kein Mensch neben mir sitzt. Sie entsteht dann, wenn mir die Verbindung fehlt, nach der ich mich sehne.
Und bei meiner diesjährigen Reise sehe ich viele Paare und Familien, die kaum miteinander sprechen und auf mich nicht besonders glücklich wirken. Natürlich weiß ich nicht, was in diesen Menschen vorgeht. Aber auch mitten in einer Partnerschaft oder Familie können Menschen einsam sein.
Und genauso kann ich in Südspanien sitzen, allein durch die Stadt laufen, diesen Blog schreiben und mich vollkommen verbunden fühlen.
Das ist eine der interessantesten Erfahrungen des Alleinreisens: Man kann herausfinden, wie gut man mit sich selbst sein kann.
Die Idee von der völligen Unabhängigkeit gefällt mir trotzdem nicht
Vor einiger Zeit erzählte ich einer Freundin, dass wir niemals völlig unabhängig sein können.
Sie weiß, dass ich allein lebe und mein Leben weitgehend allein organisiere. Ich arbeite allein und liebe, was ich mache. Ich verdiene mein Geld. Ich kümmere mich um meine Angelegenheiten. Ich entscheide selbst, was mit mir passiert.
Sie fragte mich dann:
„Wovon bist Du denn überhaupt noch abhängig?“
Meine Antwort kam ziemlich schnell:
Von meinen Freunden.
Nicht finanziell. Nicht organisatorisch. Aber emotional.
Ich brauche die Sicherheit, dass da draußen Menschen sind, die für mich da sind, wenn ich sie brauche. Menschen, die ich anrufen kann. Menschen, denen ich erzählen kann, wie es mir geht – ohne zu jammern. Menschen, die wissen, was mich bewegt. Und Menschen, mit denen ich gemeinsam nach Lösungen suchen kann.
Und genauso möchte ich für andere da sein, wenn ich merke, dass ich gebraucht werde.
Vielleicht liegt genau darin ein Missverständnis unserer Zeit.
Wir haben Unabhängigkeit zu einem Ideal gemacht.
Aber Menschen sind keine unabhängigen Wesen. Wir sind aufeinander angewiesen.
Unsere individualisierte Lebensweise und auch die Logik einer Gesellschaft, in der viele Bedürfnisse über Dienstleistungen und Konsum organisiert werden, machen es uns nicht unbedingt leichter, uns wieder stärker miteinander zu verbinden. Es lohnt sich, das zu hinterfragen.
Wir brauchen andere Menschen nicht nur, um sie für ihre Dienste zu bezahlen.
Wir brauchen Resonanz.
Blickkontakt.
Gespräche.
Abende zum Sich-Kaputt-Lachen.
Wir gehören zusammen.
Freiheit bedeutet für mich nicht:
Ich brauche niemanden.
Freiheit bedeutet:
Ich weiß, dass ich allein sein kann. Und gleichzeitig weiß ich, mit wem ich verbunden bin.
Und das passiert heute nicht mehr automatisch, weil wir uns physisch immer stärker aus traditionellen Gemeinschaftsstrukturen gelöst haben.
Heute müssen wir uns aktiv um unsere Freundschaften kümmern. Nicht warten, bis jemand kommt, sondern immer und immer wieder den Hörer in die Hand nehmen, Menschen einladen, sie inspirieren, ihnen zuhören und sie so akzeptieren, wie sie sind.
Die Freiheit funktioniert nur, solange alles glatt läuft
Und da haben wir es.
Dieses Alleinreisen ist besonders schön, solange alles funktioniert. Oder?
Solange alles gut läuft, fühlt sich Unabhängigkeit fantastisch an.
Aber wehe, etwas Unerwartetes passiert.
Dein Handy ist weg.
Du wirst krank.
Du verpasst einen Anschluss.
Oder Du wirst sogar ausgeraubt. Alles schon passiert.
Plötzlich fühlst Du Dich unsicher.
Dann verändert sich die Bedeutung des Wortes „allein“ manchmal innerhalb weniger Minuten.
Aus Freiheit wird Verletzlichkeit.
Das ist kein Argument gegen das Alleinreisen. Im Gegenteil.
Ich möchte einfach darauf aufmerksam machen, dass Selbstständigkeit niemals bedeutet, niemanden zu brauchen.
Freiheit ohne Beziehung wird irgendwann leer
Wie viel Freiheit brauchen wir eigentlich?
Wie viel Freiheit gaukeln wir uns nur vor?
Und wie viel Verbundenheit brauchen wir?
Wo gehören wir überhaupt dazu?
Ich glaube, das sind Fragen unserer Zeit.
Wir wollen selbst entscheiden.
Ja, das verstehe ich.
Ich will es auch.
Aber wir dürfen gleichzeitig nicht vergessen, dass wir Teil eines sozialen Gefüges sind. Zu Hause genauso wie an einem fremden Ort.
Freiheit ohne Verbundenheit kann irgendwann sehr einsam machen.
Vielleicht merken wir das manchmal erst spät.
Deshalb lohnt es sich, nicht nur unsere Selbstständigkeit zu pflegen, sondern auch unsere Beziehungen.
Den Zauber des Unbekannten bewahren
Reisen ist eine tolle Sache. Keine Frage.
Aber wie es immer so schön heißt: Wenn etwas zur Gewohnheit wird, ist es nichts Besonderes mehr.
Also bewahre Dir die Freiheit, Du wunderbarer Mensch, den Zauber des Unbekannten nicht zu verlieren.
Reise bewusst.
Denke an die Menschen zu Hause.
Denke auch an die Menschen, die dort leben, wo Du gerade zu Gast bist.
Genieße Deine Freiheit.
Genieße das Alleinsein.
Und vergiss die Verbundenheit nicht.
Denn vielleicht ist genau das die größte Freiheit:
allein sein zu können, ohne sich einsam zu fühlen, weil wir wissen, dass wir irgendwo dazugehören.
Ich umarme Dich aus der Ferne
Deine Jolanta
Drei am meisten gestellten Fragen:
Ist allein reisen einsam?
Nein, allein zu reisen bedeutet nicht automatisch, einsam zu sein. Alleinsein beschreibt zunächst nur die Situation, dass gerade niemand bei mir ist. Einsamkeit entsteht dagegen dann, wenn mir die Verbindung zu anderen Menschen fehlt, nach der ich mich sehne.
Viele Menschen erleben Solo-Reisen sogar als besonders frei und selbstbestimmt. Trotzdem kann es Momente geben, in denen sich das Alleinsein plötzlich anders anfühlt – zum Beispiel bei Krankheit, Unsicherheit oder wenn ein schöner Moment mit niemandem geteilt werden kann.
Was ist der Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit?
Alleinsein ist ein Zustand. Einsamkeit ist ein Gefühl.
Ich kann allein in einem Café sitzen und mich vollkommen wohl und verbunden fühlen. Gleichzeitig kann ich mit anderen Menschen zusammen sein und mich trotzdem einsam fühlen.
Entscheidend ist also nicht nur, wie viele Menschen um mich herum sind, sondern ob ich mich emotional verbunden, gesehen und zugehörig fühle.
Kann man allein sein, ohne sich einsam zu fühlen?
Ja. Alleinsein kann sogar sehr wohltuend sein, wenn es freiwillig gewählt ist und ich gleichzeitig weiß, dass es Menschen gibt, zu denen ich gehöre.
Die Fähigkeit, gut allein sein zu können, und das Bedürfnis nach Verbundenheit schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Beides kann nebeneinander bestehen.
Für mich bedeutet echte Freiheit deshalb nicht, niemanden zu brauchen. Sie bedeutet, allein sein zu können und trotzdem zu wissen: Ich bin verbunden.
Hinweis: Dieser Beitrag fasst eigene Erfahrung und wissenschaftliche Forschungsergebnisse zusammen und ersetzt keine medizinische Beratung. Wer unter anhaltender Einsamkeit oder psychischen Beeinträchtigungen leidet, findet sofort Unterstützung z. B. bei Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenlos und anonym).
Quelle
Falstaff Travel:
„Allein, aber nicht einsam: Solo-Reisen im Trend“, 4. März 2026.
Über Freiheit, Selbstbestimmung, Ruhe und Einsamkeit beim Alleinreisen.
https://www.falstaff.com/at/news/allein-aber-nicht-einsam-solo-reisen-im-trend
DER STANDARD:
„Alleine verreisen: Absolute Freiheit oder Einsamkeit?“
Über die Ambivalenz zwischen Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und dem Bedürfnis, Erlebnisse mit anderen Menschen zu teilen.
https://www.derstandard.at/story/2000052068210/alleine-verreisenabsolute-freiheit-oder-einsamkeit
Brown, Brené:
Verletzlichkeit macht stark. Wie wir unsere Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden.
Goldmann Verlag, München, 2017.








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