Ist eine Depression das Ergebnis von Einsamkeit? Oder umgekehrt?
Gestern kam das Buch von Johann Hari, einem britischen Autor und Journalisten, unter dem Titel „Der Welt nicht mehr verbunden“. Ich kann es gar nicht mehr sagen, wer mir das Buch empfohlen hat. Aber der Titel und die Forschung von Herrn Hari (hab ich natürlich überprüft) hat mich sofort überzeugt. Immer wieder lese ich, dass immer mehr Menschen in Deutschland die Diagnose Depression gestellt wird, so fragte ich mich, liegt es eventuell daran, dass Menschen sich einsam fühlen. Dass sie keine Menschen um sich haben, bei denen sie sich öffnen können? Möglicherweise. Denn eins ist klar: Menschen, denen Du vertrauen kannst, und die Dich bedingungslos lieben, sind „Stabilisatoren“ unserer Gesundheit. Irgendwie ist uns diese wichtige Ressource in den letzten Jahren abhanden gekommen. In den Medien hört man immer wieder von psychischen Erkrankungen und zu wenig Therapeutinnen, von Misstrauensgesellschaft und Narzissmus. Aber wie man diese Zustände vermeiden könnte, davon hören wir wenig. Steckt die Pharmaindustrie dahinter? Was hilft eigentlich gegen Depression und was ist das eigentlich.
Depression ist eine ernsthafte Erkrankung, die Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst. So die Deutsche Depressionshilfe.
Dr. Gunter Schmidt, ein Arzt, der ein anderes, sehr erfolgreiches Verfahren zur Behandlung von Depressionen entwickelt hat sagt bei @hotelMatze:
Depression ist eine Reaktion auf das Nicht-Gesehen-Werden, Nicht-Geachtet-Werden und Nicht-Verstanden-Werden. Und wenn man denkt: „Das kriege ich sowieso nicht. Ich bin eh wertlos“, dann entsteht Depression. Für mich sind das auch alles Anzeichen für die Einsamkeit.
Wie wird eine Depression eigentlich diagnostiziert?
Aber eine Depression lässt sich bislang nicht durch einen einzelnen Blutwert, ein MRT oder einen anderen eindeutigen biologischen Test feststellen.
Die Diagnose wird klinisch gestellt. Das heißt: Ärztinnen, Ärzte und Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten erfassen dafür Symptome, deren Dauer und Schwere sowie die Auswirkungen auf den Alltag.
Zu den typischen Symptomen gehören unter anderem eine anhaltend gedrückte Stimmung, Interessen- oder Freudverlust, Erschöpfung, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Schuld- oder Wertlosigkeitsgefühle und Hoffnungslosigkeit. Für eine depressive Episode bestehen diese Beschwerden typischerweise über mindestens zwei Wochen und beeinträchtigen das Leben deutlich.
Auch in Deutschland orientiert sich die Diagnostik an der ICD-Klassifikation. Die Nationale Versorgungs-Leitlinie zur unipolaren Depression betont dabei ausdrücklich, dass eine Diagnostik mehr sein soll als das Abhaken einer Symptomliste. (Nur halten sich leider nicht alle daran.)
Das ist ein wichtiger Punkt.
Denn ein Mensch lebt nicht isoliert in seinem Gehirn.
Er lebt in Beziehungen, in Familien, in Partnerschaften, am Arbeitsplatz und innerhalb gesellschaftlicher Bedingungen.
Depression ist nicht einfach „zu wenig Serotonin“
Über Jahrzehnte wurde Depression in der öffentlichen Wahrnehmung häufig stark biologisch erklärt: Im Gehirn stimme etwas mit den Botenstoffen nicht, insbesondere mit Serotonin.
So einfach ist der heutige wissenschaftliche Stand nicht.
Selbst die deutsche Nationale Versorgungs-Leitlinie weist darauf hin, dass die frühere Serotonin- beziehungsweise Monoamin-Hypothese eine Depression nicht ausreichend erklärt. Dass Antidepressiva auf entsprechende Botenstoffsysteme wirken, bedeutet nicht automatisch, dass ein ursprünglicher „Serotoninmangel“ die Ursache einer Depression war.
Heute wird Depression vielmehr als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren verstanden. Auch die WHO beschreibt ausdrücklich diese Wechselwirkung. Schwere Verluste, belastende Lebensereignisse, Gewalt oder Probleme im Arbeits- und Lebensumfeld können das Risiko erhöhen.
Damit verändert sich die Frage.
Nicht mehr nur: „Was stimmt in diesem Menschen nicht?“
Sondern auch: „Was ist diesem Menschen passiert – und unter welchen Bedingungen lebt er?“
Und vielleicht sogar: „Wer ist für diesen Menschen da?“
Aus vielen Interviews mit meinen Klientinnen und Klienten weiß ich, dass die Behandlungsrealität in vielen Therapie-Praxen
Welche Rolle spielt die Pharmaindustrie?
Hier ist mir eine Differenzierung wichtig.
Es wäre wissenschaftlich nicht korrekt zu behaupten, die Pharmaindustrie „bestimme“, was als Depression diagnostiziert wird oder habe die Diagnostik vollständig in der Hand. Diagnosekriterien werden heute von internationalen Fachgremien und wissenschaftlichen Organisationen entwickelt. Die WHO berichtet beispielsweise, dass die aktuellen klinischen Anforderungen der ICD-11 unter Beteiligung hunderter Fachleute und tausender Klinikerinnen und Kliniker entwickelt und erprobt wurden.
Gleichzeitig wäre es ebenso falsch, die wirtschaftlichen Interessen der Pharmaindustrie in der psychiatrischen Forschung einfach auszublenden.
Es gibt gut dokumentierte Hinweise auf Sponsoring- und Publikationsbias.
Eine klassische systematische Untersuchung im British Medical Journal zeigte beispielsweise, dass von Pharmaunternehmen finanzierte Arzneimittelstudien häufiger Ergebnisse berichteten, die das Produkt des jeweiligen Sponsors begünstigten.
Besonders bekannt ist eine Analyse von Studien zu Antidepressiva. Forschende verglichen veröffentlichte Studien mit den Daten, die der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA vorlagen. Von 74 registrierten Studien waren 31 Prozent nicht veröffentlicht worden. In der veröffentlichten Literatur wirkten 94 Prozent der Studien positiv; nach Bewertung der vollständigen FDA-Daten waren es 51 Prozent. Dadurch erschien die Wirksamkeit der untersuchten Antidepressiva in der veröffentlichten Literatur größer als in der Gesamtheit der Daten.
Spätere Analysen bestätigten, dass Publikationsbias bei Antidepressivastudien ein ernstzunehmendes methodisches Problem darstellt.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Antidepressiva grundsätzlich wirkungslos oder unnötig wären. Aber: Johann Hari zeigt anhand der Forschung von Irving Kirsch, wie groß der Anteil der Besserung sein kann, der auch unter Placebo auftritt. Nicht nur der Wirkstoff scheint also relevant zu sein. Erwartung, Hoffnung, Aufmerksamkeit und die Erfahrung, dass sich jemand um einen kümmert, können einen erheblichen Einfluss darauf haben, wie Menschen ihre Symptome erleben.
Was passiert, wenn Menschen jemanden haben, der für sie da ist?
Johann Hari greift in seinem Buch unter anderem die berühmten Untersuchungen der britischen Sozialpsychiater George Brown und Tirril Harris auf.
Brown und Harris untersuchten bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren den Zusammenhang zwischen belastenden Lebensereignissen, sozialen Bedingungen und Depressionen bei Frauen.
Ihre Forschung zeigte: Schwere und länger anhaltende belastende Lebensereignisse spielten beim Auftreten depressiver Erkrankungen eine bedeutende Rolle. Eine spätere prospektive Untersuchung bestätigte bei rund 400 überwiegend aus der Arbeiterklasse stammenden Frauen mit Kindern die Bedeutung langfristig schwer belastender Lebensereignisse für das Auftreten von Depression.
Hari beschreibt dazu ein besonders eindrückliches Ergebnis: Bei Frauen ohne enge Freundinnen und ohne unterstützenden Partner war unter bestimmten zusätzlichen Belastungsbedingungen das Risiko beziehungsweise die beobachtete Wahrscheinlichkeit einer Depression ausgesprochen hoch.
Die grundsätzliche Erkenntnis ist inzwischen wesentlich breiter wissenschaftlich abgesichert:
Soziale Unterstützung kann ein bedeutender Schutzfaktor für unsere psychische Gesundheit sein. Eigentlich sollte es emotionale Gesundheit heißt, denn es geht immer wieder um die Regulation unserer Gefühle, die sich zeigen, wenn es uns nicht gut geht. Ob bei Depression oder bei Einsamkeit.
Freundschaften sind keine nette Zugabe
Eine systematische Übersichtsarbeit über 51 Studien untersuchte den Zusammenhang zwischen sozialen Beziehungen und Depression.
Besonders konsistent waren die schützenden Zusammenhänge bei:
- wahrgenommener emotionaler Unterstützung,
- praktischer Unterstützung und
- größeren beziehungsweise vielfältigeren sozialen Netzwerken.
Eine weitere systematische Übersichtsarbeit kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass soziale Unterstützung über verschiedene Lebensphasen hinweg mit einem geringeren Depressionsrisiko verbunden sein kann.
Und bei Menschen, die bereits unter psychischen Erkrankungen leiden, scheint der Zusammenhang ebenfalls relevant zu sein: Prospektive Studien zeigen, dass Menschen mit Depression, die ihre soziale Unterstützung als gering erleben, häufiger ungünstigere Verläufe hinsichtlich Symptomen, Genesung und sozialer Funktionsfähigkeit zeigen.
Unsere Beziehungen sind also nicht einfach nur etwas, das unser Leben angenehmer macht.
Sie können gesundheitlich relevant sein.
Einsamkeit und soziale Unterstützung hängen eng zusammen
Interessant ist dabei noch etwas anderes.
Es reicht nicht unbedingt, viele Menschen zu kennen.
Entscheidend ist häufig, ob wir Unterstützung auch als Unterstützung erleben.
Besonders stark ist die Beziehung zur wahrgenommenen Unterstützung durch Freundinnen und Freunde.
Das passt zu etwas, das ich in meiner Arbeit rund um Einsamkeit immer wieder beobachte: Man kann von Menschen umgeben, sogar verheiratet sein und sich trotzdem einsam fühlen.
Und ein anderer Mensch kann vielleicht nur wenige Beziehungen haben, aber diese Beziehungen als zuverlässig, nah und sicher erleben.
Nicht die reine Anzahl unserer Kontakte entscheidet über Verbundenheit.
Es geht um Qualität.
Um Resonanz.
Um das Gefühl:
Da ist jemand.
Ich werde gesehen.
Ich darf mich zeigen.
Wenn es schwierig wird, bin ich nicht vollkommen allein.
Zuhören ist keine Kleinigkeit
Wir unterschätzen möglicherweise, was geschieht, wenn ein Mensch einem anderen wirklich zuhört.
Nicht sofort Ratschläge gibt.
Nicht versucht, unangenehme Gefühle möglichst schnell wegzumachen.
Sondern bleibt. Aufmerksamkeit kann z. B. eine Form von sozialer Unterstützung sein.
Ein Gespräch ersetzt natürlich keine notwendige medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Aber Beziehungen bilden den Kontext, in dem Menschen Belastungen verarbeiten. Gemeinschaften können viel mehr bewirken, als jeder einzelne.
Die WHO zählt positive soziale Interaktionen und starke Gemeinschaftsbindungen ausdrücklich zu den Schutzfaktoren psychischer Gesundheit.
Warum Einsamkeit deshalb gesundheitlich ernst genommen werden sollte
Einsamkeit wird gesellschaftlich häufig noch wie ein persönliches Versagen behandelt. Wer einsam ist, fragt sich vielleicht:
Warum habe ich keine Freunde?
Warum ruft mich niemand an?
Warum scheint es allen anderen leichter zu fallen?
Was stimmt mit mir nicht?
Genau diese Scham kann dazu führen, dass Menschen ihre Einsamkeit verbergen, und dadurch noch weniger Unterstützung bekommen.
Dabei ist Einsamkeit zunächst ein Signal. Eine Warnblinkanlage sozusagen.
Sie weist darauf hin, dass zwischen den vorhandenen sozialen Beziehungen und den Beziehungen, die ein Mensch braucht oder sich wünscht, eine Lücke entstanden ist.
Das ist etwas anderes als eine Depression.
Einsamkeit ist keine Depression und Depression ist nicht automatisch das Ergebnis von Einsamkeit.
Aber beide können miteinander verbunden sein.
Eine Metaanalyse aus der Zeit der COVID-19-Pandemie fand beispielsweise einen mittelstarken Zusammenhang zwischen Einsamkeit und depressiven Symptomen. Solche Studien belegen allerdings einen Zusammenhang und nicht automatisch eine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung.
Genau deshalb lohnt es sich, Einsamkeit früher ernst zu nehmen. Nicht erst dann, wenn ein Mensch kaum noch aus dem Bett kommt.
Nicht erst dann, wenn das Leben vollständig zusammengebrochen ist.
Sondern dann, wenn jemand merkt:
Mir fehlt Verbindung.
Vielleicht müssen wir psychische Gesundheit größer denken
Natürlich brauchen Menschen manchmal Psychotherapie. Manchmal brauchen sie Medikamente. Manchmal brauchen sie beides.
Aber ganz sicher braucht ein Mensch zusätzlich etwas, das keine Tablette herstellen kann:
Eine Freundin, die anruft.
Einen Partner, der wirklich zuhört.
Eine Kollegin, bei der man nicht immer funktionieren muss.
Einen Nachbarn, der klingelt.
Eine Gruppe, zu der man gehört.
Eine Aufgabe, bei der man gebraucht wird.
Einen Ort, an dem man regelmäßig auftaucht und irgendwann vermisst wird, wenn man nicht kommt.
Das klingt erstaunlich unspektakulär. Und vielleicht liegt genau darin das Problem.
Wir haben gelernt, Gesundheit stark medizinisch zu betrachten. Dabei erinnert uns die Forschung daran, dass Gesundheit ebenfalls sozial ist.
Die WHO nennt soziale Unterstützungsnetzwerke aus Familie, Freundschaften und Gemeinschaft ausdrücklich als Determinanten von Gesundheit.
Verbindung ist kein Luxus
Je länger ich über Einsamkeit forsche, desto mehr verändert sich deshalb für mich die Bedeutung des Wortes Beziehung.
Beziehungen sind nicht das hübsche Beiwerk eines ansonsten erfolgreichen Lebens. Sie gehören zur Infrastruktur unseres Lebens. Wir brauchen Menschen, mit denen wir lachen. Aber vielleicht noch wichtiger:
Wir brauchen Menschen, bei denen wir nicht lachen müssen.
Menschen, denen wir sagen können:
„Mir geht es gerade nicht gut.“
Und bei denen darauf nicht sofort eine Lösung folgt, sondern vielleicht einfach:
„Erzähl.“
Eine gute Freundin verhindert nicht jede Depression.
Ein liebevoller Partner heilt keine psychische Erkrankung.
Aber soziale Beziehungen können Ressourcen sein. Sie können Belastungen abfedern, Zugehörigkeit schaffen, Einsamkeit reduzieren und Menschen dabei helfen, schwierige Zeiten nicht allein tragen zu müssen. Die Wissenschaft ist sich bis jetzt noch nicht sicher, was zuerst da war: Einsamkeit oder Depression. Das ist aber nicht so wichtig, finde ich. Wichtig ist, habe ich Menschen um mich, die mich in den Arm nehmen, die mir zuhören, die mit mir ein Stückchen mitfühlen, wenn es mir nicht gut geht.
Vielleicht sollten wir deshalb neben der Frage:
„Wie geht es Dir?“
viel häufiger eine zweite stellen:
„Wer ist da, wenn es Dir nicht gut geht?“
Denn manchmal beginnt psychische Gesundheit genau dort:
Zwischen Menschen.
Ich wünsche Dir viele tolle Beziehungen, die Dich tragen. Und Du Dich einsam fühlst, denke daran, Du bist nicht allein. Und lass Dir eins gesagt sein: Einsamkeit ist ein Bote Deiner Bedürfnisse. Höre genau hin, was sie zu sagen hat.
In Verbundenheit
Deine
Jolanta
Hinweis: Dieser Beitrag fasst eigene Erfahrung und wissenschaftliche Forschungsergebnisse zusammen und ersetzt keine medizinische Beratung. Wer unter anhaltender Einsamkeit oder psychischen Beeinträchtigungen leidet, findet sofort Unterstützung z. B. bei Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenlos und anonym).
Quellen
Hari, J. (2019). Der Welt nicht mehr verbunden: Die wahren Ursachen von Depressionen – und unerwartete Lösungen. HarperCollins.








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