Alleinsein lernen: Warum es so gut tun kann, Zeit mit sich selbst zu verbringen
Alleinsein lernen: Warum es so gut tun kann, Zeit mit sich selbst zu verbringen
Ein Teil der Menschen, die sich einsam fühlen, hat vielleicht noch nie erfahren, wie sich gutes Alleinsein anfühlen kann.
Nicht dieses Alleinsein, bei dem man auf das Handy schaut und hofft, dass endlich jemand schreibt.
Nicht das Alleinsein, bei dem die Stille immer lauter wird und man das Gefühl bekommt, von der Welt vergessen worden zu sein.
Sondern ein anderes Alleinsein.
Ein Zustand, in dem Du mit Deinen Gedanken, Deinen Ideen und Deinem Tun bei Dir bist.
In dem Du etwas machst, weil es Dir Freude bereitet.
Und in dem Du vielleicht sogar etwas erschaffst – für Dich oder für andere.
Ich glaube, wir sprechen viel zu selten über diese Form des Alleinseins.
Denn Alleinsein kann wunderschön sein.
ABER: Wenn Du es in Deiner Herkuftsfamilie nicht gelernt hast, wie es geht. Lohnt es sich, als Erwachsene nochmal damit zu beschäftigen.
Meine ersten sieben Jahre war ich ein Einzelkind. Ein Kind mit Eltern, die voll berufstätig waren, und die nicht wussten, wie Liebe geht. Ich verbrachte viel Zeit mit anderen Kindern draußen. Wir spielten, erzählten viel, erfanden Geschichten, wir stritten und vertrugen uns wieder. Alles ohne Eltern. Ja, es war mal die eine oder andere Nachbarin draußen, die mal interveniert hat, aber im Großen und Ganzen machten wir viele unserer Erfahrungen selbst. So werden soziale Kompetenzen gebildet.
Wenn ich als Kind zu Hause war, und meine Mutter arbeitete oder musste sich ausruhen, spielte ich leise vor mich hin. Ich beschäftigte mich mit mir selbst und konnte meiner Fantasie freien Lauf lassen. Auch als mein kleiner Bruder geboren wurde, konnte (und musste) ich mich allein zurückziehen, weil jetzt jemand anderes dran war.
Später als Jugendliche verbrachte ich viel Zeit mit Gleichaltrigen. Aber auch mit meinen Tanten und Großeltern. Aber auch mit mir allein. Auch mit meinen Hobbies und Leidenschaften (z. B. selbst erfundene Mode:) zum Beispiel), die man nur entwickeln kann, wenn es ausprobiert und die Erfahrung macht wird: „Hey, es ist schön. Es tut mir gut. Es hat einen Wert“. Ich fühlte mich in der Zeit immer verbunden, weil die anderen einfach mir das Gefühl gegeben haben, „Du bist hier richtig“.
Dann kam der Bruch
Übersiedlung von Polen nach Deutschland, was mein größtes Glück war. Es war nicht schlimm, dass ich noch nicht die Sprache konnte. Es war nicht schlimm, dass wir in einer 8 qm großen Box (eine von 11) in einer Aula einer Gesamtschule lebten (die Schule war im Betrieb). Es war nicht schlimm, weil wir uns hatten. Meine Mutter, mein Bruder und viele anderen, die das gleiche Schicksal teilten. Wir waren miteinander verbunden. Halfen uns gegenseitig. Feierten zusammen, tauschten Erfahrungen im neuen Land aus. Und wir hatten Hoffnung. Auf ein besseres Leben.
Der Bruch kam, als ich ein paar Jahre später nach der Schule, zu studieren anfing. Ganz allein lebte und mich fragte: „Und jetzt?“ Das JETZT war die Einsamkeit, das Gefühl, nirgendwo mehr dazuzugehören. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum heute 42 von 100 jungen Erwachsenen (zw. 18-30) sich einsam fühlen. Es ist die Zeit der Identitäts-Entwicklung auf dem nächsten Level. Die Zeit, in der man kein Kind mehr ist, aber noch nicht weißt, wie das Erwachsenenleben geht. Das ist die Zeit, in der junge Menschen viele andere Erwachsene und Alte brauchen, die ihnen zeigen und erzählen, wie es bei Ihnen war. Es ist die Zeit, in der junge Menschen nicht nur sich verstanden fühlen sollten, sondern auch „Kontra“ kriegen müssen. Es ist die Zeit, in der sie mit anderen diskutieren und streiten dürfen, damit sie ihr Intellekt ausbauen dürfen, um dann wieder allein oder mit Gleichaltrigen zu reflektieren, was sie erfahren haben. Allein, sich Gedanken darüber zu machen, ob sie mit sich selbst und ihrem Handeln zufrieden sind. Wenn nicht, dann Krone richten, Geduld haben, aushalten und weitermachen.
Wenn es schwer gerade ist, allein zu sein, und die Angst einen überkommt, kann es sein, dass es daran liegt, dass die Gesellschaft uns noch suggeriert, es ist nicht ok, ohne Partner oder Partnerin zu sein. Es ist ok. Klar, wünschen sich viele junge Menschen tolle Menschen um sich, vielleicht eine Ehe, eigene Familie. Aber wenn gerade niemand da ist, dann sollte:
Alleinsein ein Zustand sein, der schön ist
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Alleinsein erstaunlich schnell als Problem interpretiert wird. Wer alleine ins Restaurant geht, wird manchmal gefragt:
„Ganz alleine?“
Wer alleine reist, muss erklären, warum niemand mitgekommen ist.
Wer keinen Partner oder keine Partnerin hat, bekommt irgendwann die Frage:
„Und? Gibt es niemanden?“
Als wäre das Zusammensein mit anderen automatisch ein Zeichen für ein gelungenes Leben – und Alleinsein ein Zustand, aus dem man möglichst schnell wieder herauskommen sollte.
Dabei kann genau diese Zeit mit sich selbst etwas unglaublich Wertvolles sein.
Es gibt einen großen Unterschied zwischen Einsamkeit und selbstgewähltem Alleinsein sein. Es kann eine neue Erfahrung über die Beziehung zu sich selbst sein. Unsere Angst vor dem Alleinsein entsteht auch deshalb, weil wir früh lernen, Alleinsein mit Nicht-dazugehören, Abgelehntwerden oder Nicht-gewählt-Werden zu verbinden.
Und vielleicht lohnt es sich genau deshalb, diese Vorstellung einmal zu hinterfragen.
Was wäre, wenn Alleinsein nicht bedeuten würde, dass niemand bei Dir ist?
Sondern dass Du bei Dir bist?
Alleinsein kann das Nervensystem beruhigen
Auch wissenschaftlich gibt es Hinweise darauf, dass freiwillige Zeit allein eine wichtige Funktion haben kann.
Forschungen zur sogenannten Solitude (engl. Bezeichnung für das schöne Alleinsein) zeigen, dass Alleinsein dazu beitragen kann, hoch aktivierte emotionale Zustände herunterzufahren. Nach intensiven sozialen Aktivitäten, Arbeit, Stress oder vielen äußeren Reizen kann Zeit allein mit mehr Ruhe und Entspannung einhergehen.
Denn wir versuchen häufig, Stress dadurch zu regulieren, dass wir noch mehr machen.
Noch eine Nachricht. Noch mehr Sport. Noch ein Gespräch. Noch ein Podcast (beim Laufen).
Noch einmal Instagram. Noch einmal Nachrichten lesen. Noch einmal jemanden anrufen. Um sich abzulenken, und bloß nicht über sich selbst nachzudenken.
Dabei könnte die Antwort manchmal genau andersherum aussehen:
Weniger Input.
Eine Stunde spazieren. Kochen. Nähen. Fotografieren. Filme drehen. Schreiben. Im Garten arbeiten. Musik hören. Auf dem Balkon sitzen. Etwas bauen. Malen. Lesen.
Oder einfach eine Weile ohne Erwartung etwas tun, das einem Freude macht.
Gutes Alleinsein bedeutet nicht, nur herumzusitzen und nachzudenken
Das ist mir wichtig. Denn wenn Menschen gerade einsam sind, lautet ein gut gemeinter Rat manchmal:
„Du musst lernen, mit Dir alleine zu sein.“
Das kann ziemlich grausam klingen. Vor allem dann, wenn jemand ohnehin schon zu viel allein ist.
Und wissenschaftlich ist die Sache tatsächlich differenzierter. Menschen erleben Alleinsein nicht automatisch positiv. Besonders wenn wir unfreiwillig allein sind oder anfangen zu grübeln, kann Alleinsein belastend werden. Wie mir ein dreizehn Jähriger einmal mitteilte: „Einsamkeit ist, wenn man ungewollt allein ist“. Was für kluge Worte.
Die Forschung zeigt vielmehr, dass es darauf ankommt, wie freiwillig und selbstbestimmt diese Zeit erlebt wird. In einer 21-tägigen Tagebuchstudie zeigte sich beispielsweise ein spannendes Bild: An Tagen mit mehr Zeit allein berichteten Menschen teilweise von mehr Einsamkeit und geringerer Tageszufriedenheit – gleichzeitig aber auch von weniger Stress und einem stärkeren Gefühl von Autonomie. Wenn das Alleinsein selbst gewählt war, waren die negativen Zusammenhänge deutlich geringer.
Das bedeutet:
Nicht möglichst viel Alleinsein macht uns glücklich.
Sondern die Fähigkeit, zwischen Verbundenheit mit anderen und Verbundenheit mit uns selbst wechseln zu können.
Alleinsein kann Selbstbestimmung bedeuten
Vielleicht liegt darin einer der schönsten Aspekte des Alleinseins.
Niemand entscheidet. Niemand kommentiert. Niemand möchte etwas anderes.
Du kannst Dich fragen:
Wonach ist mir eigentlich gerade?
Diese scheinbar kleine Frage stellen sich manche Menschen erstaunlich selten. Was möchte ich essen? Wo möchte ich hin? Welche Musik möchte ich hören? Möchte ich heute reden oder schweigen? Wie will ich Leben? Mit wem will ich Zeit verbringen? Möchte ich arbeiten, lesen, laufen, malen, schreiben oder einfach nichts Produktives tun?
Das sind keine banalen Fragen.
Sie haben viel mit Autonomie zu tun – also mit unserem Erleben, selbstbestimmt und in Übereinstimmung mit uns selbst handeln zu können. Autonomie gilt in der Selbstbestimmungstheorie neben Kompetenz und sozialer Verbundenheit als eines der grundlegenden psychologischen Bedürfnisse des Menschen.
Und gutes Alleinsein kann genau dafür einen Raum schaffen.
Wenn niemand zuschaut: Wer bist Du dann?
Ich finde diese Frage wunderschön.
Wer bist Du, wenn gerade niemand etwas von Dir erwartet?
Wenn Du niemandem gefallen musst?
Wenn Du keine Rolle erfüllen musst?
Wenn Du nicht Mutter, Vater, Partnerin, Mitarbeiter, Chefin, Freundin oder Kollege sein musst?
Was bleibt dann?
Vielleicht entstehen genau in diesen Momenten Dinge, für die im Alltag wenig Platz ist.
Gedanken. Ideen. Kreativität. Erinnerungen. Wünsche. Manchmal auch unangenehme Gefühle. Und auch das gehört dazu. Alleinsein bedeutet nicht, dass jede Minute friedlich sein muss. Es bedeutet vielmehr, langsam zu entdecken:
Ich kann bei mir bleiben.
Die Fähigkeit, allein zu sein, ist etwas anderes als Rückzug
Das klingt zunächst paradox, aber wer gut alleine sein kann, muss andere Menschen möglicherweise weniger dafür benutzen, unangenehme innere Zustände sofort zu beruhigen.
Dann muss nicht jede freie Minute gefüllt werden.
Nicht jedes Wochenende verplant.
Nicht jede Stille vermieden.
Und nicht jede Beziehung um jeden Preis festgehalten werden.
Alleinsein kann dadurch sogar eine andere Qualität von Beziehung ermöglichen.
Denn dann bin ich nicht nur mit Dir zusammen, weil ich Angst davor habe, ohne Dich zu sein.
Ich bin mit Dir zusammen, weil ich mit Dir sein möchte.
Das ist ein großer Unterschied.
Trotzdem brauchen wir andere Menschen
Bei aller Begeisterung für das Alleinsein möchte ich eines ganz klar sagen:
Menschen sind soziale Wesen.
Wir brauchen Beziehung, Resonanz, Berührung, Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Anhaltende soziale Isolation und fehlende soziale Kontakte sind mit Belastungen für Wohlbefinden und Gesundheit verbunden.
Alleinsein ist deshalb kein Ersatz für Beziehung.
Und es wäre falsch, einem Menschen, der unter Einsamkeit leidet, einfach zu sagen:
„Dann lern eben, alleine glücklich zu sein.“
Darum geht es überhaupt nicht.
Vielleicht besteht soziale Gesundheit vielmehr aus beidem:
Ich kann mit anderen verbunden sein. Und ich kann mit mir verbunden sein.
Beim Alleinsein kommt zunehmend zu dieser Idee: Ein gutes Leben besteht wahrscheinlich nicht darin, möglichst viel Zeit mit anderen oder möglichst viel Zeit allein zu verbringen. Entscheidend ist eine individuell stimmige Balance.
Probier das Alleinsein einmal aus
Vielleicht musst Du nicht gleich alleine verreisen.
Vielleicht musst Du auch nicht vier Stunden meditierend in einem stillen Zimmer verbringen.
Mach es kleiner.
Geh alleine einen Kaffee trinken.
Setz Dich mit einem Buch in ein Café.
Koch Dir etwas Schönes – nur für Dich.
Geh spazieren, ohne jemanden anzurufen.
Besuch eine Ausstellung.
Fahr irgendwohin, wo Du noch nie warst.
Nimm Dir zwei Stunden für etwas, das Du früher gerne gemacht hast.
Und beobachte Dich dabei. Wenn Du dabei unruhig werden solltest, ist nicht schlimm. Das ist ein Lernprozess. Bleib dabei. Jeden Tag ein bisschen. Irgendwann wird es schön.
Frage Dich nicht: „Warum bin ich allein?“, sondern:
„Was möchte ich mit dieser Zeit machen?“
Das verändert etwas. Denn plötzlich bist Du nicht mehr der Mensch, bei dem gerade jemand fehlt. Du bist ein Mensch, der gerade Zeit hat.
Zeit für sich.
Zeit für Gedanken.
Zeit für Neugier.
Zeit, etwas zu erschaffen.
Zeit, sich selbst wieder ein bisschen kennenzulernen.
Und vielleicht ist genau das eine Erfahrung, die wir viel öfter machen sollten.
Ich weiß, dass viele Menschen vor diesem Prozess, allein über sich nachzudenken, Angst haben. Ich kenne es. Aber heute kann ich Dir sagen (als Expertin und ehemalige Einsame), dass die Zeit mit sich selbst, die spannendste und die lehrreichste ist. Frage Dich zwischendurch:
„Was mach ich hier eigentlich? Handle ich so, dass ich niemanden schade? Bin ich ein guter Mensch?“
Für manch können solche Fragen spirituell klingen. Sind sie nicht. Sie sind menschlich und für ein gutes Miteinander notwendig.
Ich bin durch die harte, einsame Zeit meiner Jugend durchgegangen und sie überlebt. Ich habe viele unangenehme Erfahrungen (und sehr lehrreiche) machen müssen. Aber nach der Reflexion und der aktiven Zeit des Alleinseins, habe ich begriffen, dass das Wühlen in der Vergangenheit keinen Sinn mehr macht. Es zieht unheimlich runter. Es ist nicht entscheidend für Deine Zukunft. Wenn es Dir noch schwerfällt, allein zu sein, oder Du Dich bereits einsam fühlst, lass uns reden. Hier kannst Du mich gerne anschreiben. Ich freue mich.
Hab jetzt eine gute Zeit mit Dir und den anderen.
Deine
Jolanta
Quellen
- Gavrani, R. (2023/2024): The Art of Being Alone: Loneliness Was My Cage, Solitude Is My Home. Manjul Publishing House.
- Nguyen, T.-V. T. et al.: Forschung zu Solitude, emotionaler Regulation und dem sogenannten Deactivation Effect.
- Weinstein, N. et al. (2023): Balance between solitude and socializing: everyday solitude time both benefits and harms well-being.
Hinweis: Dieser Beitrag fasst eigene Erfahrung und wissenschaftliche Forschungsergebnisse zusammen und ersetzt keine medizinische Beratung. Wer unter anhaltender Einsamkeit oder psychischen Beeinträchtigungen leidet, findet sofort Unterstützung z. B. bei Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenlos und anonym).








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