Warum Urlaub gegen Einsamkeit hilft – und warum er es manchmal nur vorgaukelt

Ein persönlicher Erfahrungsbericht über Flucht, Reisen und das Ankommen.

Es gibt diesen einen Moment im Urlaub, kurz nach der Landung, wenn die Luft anders riecht. Fremder. Wärmer, staubiger, süßer – je nachdem, wo man ist. Man atmet tief ein und denkt: Jetzt beginnt es.

Jahrelang war das für mich der Moment, in dem ich dachte, ich hätte es geschafft. Ich hab mich jetzt und meine Familie im Griff und kann vom Neuen beginnen.

Ich wusste damals nicht einmal, dass es Einsamkeit war, was ich fühlte. Ich nannte es Stress, Erschöpfung, „einfach mal raus müssen“. Und Urlaub, dachte ich, sei die Lösung. Neben dem stressigen Alltag ein Ventil, ein Ausschalter, ein Fenster, das man kurz aufreißt, um durchzuatmen.

Wenn Urlaub wirklich hilft – aber nur kurzfristig

Und ehrlich gesagt: Er half auch. Diese eine, manchmal auch zwei Wochen waren großartig. Ich sah andere Gesichter, hörte andere Sprachen, schmeckte andere Gewürze auf der Zunge. Ich zog Kleider an, die zu Hause im Schrank geblieben wären – zu bunt, zu auffällig, zu viel…(ich bin manchmal immer noch zu viel für andere, aber jetzt genieße ich es). Ich machte mich schick, ging schön essen, besichtigte, entspannte, so gut es eben ging, wenn man sich innerlich einsam fühlt, ohne es zu wissen.

Diese Wochen fühlten sich an wie ein anderes Leben. Ein Leben, das mir plötzlich erlaubt war.Aber dann kam der Rückflug.

Und mit ihm kam der Alltag. Schneller, als mir lieb war. Ich fiel zurück in die alte Mühle, so mühelos, als hätte ich sie nie verlassen. Von der schönen Zeit blieb kaum mehr als ein Foto auf dem Handy und ein leises Gefühl von Verlust.

Heute weiß ich: Es war Flucht. Kein bewusster Akt des Genusses, dieser Neugier auf etwas Neues, sondern ein Automatismus. Urlaub macht man eben. Also machte ich ihn auch. Nicht, weil ich wusste, wonach ich suchte – sondern weil ich nicht hinsehen musste, solange ich unterwegs war.

Der Unterschied zwischen Urlaub und Reise

Es hat Jahre gedauert, bis ich den Unterschied verstanden habe zwischen Urlaub machen und reisen.

Heute, wenn ich verreise, ist es kein Fluchtreflex mehr, sondern eine bewusste Entscheidung. Manchmal fahre ich mit meinen erwachsenen Kindern weg. Wir halten uns treu daran, mindestens einmal im Jahr gemeinsam Zeit zu verbringen. Manchmal reise ich mit Freunden. Manchmal ganz allein. Aber ich reise nicht mehr mit meiner Einsamkeit. Ich fühle mich wohl mit dem, was ich bin, und zeige mich auch so.

Ich spreche gerne fremde Menschen an. Ich bin neugierig auf das, was fremd ist. Anderes Essen, andere Gerüche, andere Sprachen, andere Kulturen. Nicht mehr, um vor mir selbst davonzulaufen, sondern weil ich mich für die Welt interessiere, ohne mich in ihr verlieren zu müssen.

Warum das Fremde die Einsamkeit erzeugt

Auf meiner Sommerreise 2026 habe ich ein Buch von Julia Kristevagelesen, der bulgarisch-französischen Psychoanalytikerin, die sich ihr Leben lang mit dem Begriff der Fremdheit beschäftigt hat. Ihre Grundthese hat mich nicht mehr losgelassen: Das Fremde ist nichts außerhalb von uns, sondern ein tiefsitzender Teil unserer eigenen Psyche. Das, was uns an anderen fremd oder bedrohlich erscheint, ist im Grunde unser eigenes verdrängtes Unbewusstes.

Kristeva fordert uns dazu auf, den Fremden in uns selbst anzuerkennen. Erst wenn wir unsere eigene innere Zerrissenheit akzeptieren, können wir dem äußeren Fremden ohne Angst und Feindseligkeit begegnen. Vielleicht ist das der Grund, warum wir im Ausland nicht alles positiv sehen, sondern vieles unbewusst mit unseren eigenen Ängsten und Erfahrungen einfärben. Was uns unsicher macht, verwandeln wir oft in einen Schutzmechanismus, oder wir schieben die Schuld auf andere, auf die Erziehung, auf das System, auf irgendetwas.

Weil wir uns selbst nie ganz verstehen oder vollständig kennen, bleibt ein Kern in uns immer isoliert. Diese Spaltung der Psyche bedeutet: Der Mensch ist in seiner inneren Fremdheit fundamental einsam.

Die Reise aus der Einsamkeit

Ich bin zutiefst davon überzeugt: Wenn wir uns auf die Reise machen, uns selbst wirklich kennenzulernen, unsere schönen Seiten, aber auch die unbekannten, vielleicht unbequemen und hässlichen Anteile, wenn wir aufhören, andere für unsere Erwartungen verantwortlich zu machen, und stattdessen anerkennen, dass manches einfach nicht geht und so bleiben wird, dann werden wir nicht mehr so leicht aus der Bahn geworfen. Wir werden selbstbewusst im wahrsten Sinne des Wortes: Bewusst über uns selbst. Und aus diesem Bewusstsein heraus finden wir immer eine neue Lösung.

Empathie als Überwindung der Einsamkeit

Wenn wir erkennen, dass jeder Mensch sich selbst zuerst einmal fremd ist, entsteht daraus eine neue Form von Verständnis. Nicht jeder Mensch ist in der Lage, so weit zu reflektieren und sich seiner eigenen Fremdheit bewusst zu werden. Aber wer diesen Schritt geht, kann anderen mit echter Empathie begegnen.

Reisen mit einem neuen Blick

Wenn ich heute reise (ich brauche keinen Urlaub mehr), sehe ich die Menschen um mich herum anders. Ich sehe Menschen, die einfach unterschiedlich sind, auch wenn viele versuchen, sich durch Kleidung, Aussehen oder Verhalten anzupassen. Im Kern bleiben wir alle verschieden. Auch Du und ich.

Und genau darin liegt vielleicht der eigentliche Schlüssel gegen Einsamkeit. Nicht die Flucht in den nächsten Urlaub, sondern die bewusste Reise, um das Fremde kennenzulernen und ein bisschen mehr sich selbst.

Wenn Du Lust hast, lass das nächste Mal Deinen Gedanken freien Lauf und schaue, wie denkst Du über die anderen. Und wie reagierst Du auf Deine Gedanken?

Kennst du dieses Gefühl: Urlaub als Ausweg, der irgendwann nicht mehr hilft, zu regenerieren? Ich freue mich, wenn Du mir an wir@jolanta-snyder.de schreibst. Ich antworte immer. 

Wenn Du mit mir darüber sprechen willst, wie es bei Dir gerade ist, buche Dir gerne hier einen Termin. Ich bin auf Deine Geschichte gespannt.

Denk dran, das Leben ist schön und spannend. Auch wenn Du es gerade noch nicht so sehen kannst, ändert es nichts daran, dass Du wertvoll bist.

Deine Jolanta

Hinweis: Dieser Beitrag fasst eigene Erfahrung und wissenschaftliche Forschungsergebnisse zusammen und ersetzt keine medizinische Beratung. Wer unter anhaltender Einsamkeit oder psychischen Beeinträchtigungen leidet, findet sofort Unterstützung z. B. bei Telefonseelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenlos und anonym).

Quelle

Kristeva, J. (2021). Fremde sind wir uns selbst. Suhrkamp

Du musst diesen Weg nicht allein gehen

Wenn Du Dir wünschst, Deine Einsamkeit besser zu verstehen und Schritt für Schritt wieder mehr Verbundenheit zu erleben, begleite ich Dich gerne auf Deinem Weg.

Coaching bei Einsamkeit
Jolanta Snyder
Wer Dich hier begleitet

Ich bin Jolanta Snyder. Ich kenne Einsamkeit nicht nur aus der Theorie, sondern auch aus eigener Erfahrung. Heute begleite ich Menschen dabei, wieder mehr Nähe, Zugehörigkeit und Verbindung zu erleben.

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